Parashop Kössen

Jörg Nuber

Der Paragliding Worldcup (PWC) – Königsdisziplin oder Materialschlacht?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mir als Anfänger um die Jahrtausendwende einmal im Zillertal am Startplatz ein anderer Pilot ehrfürchtig zuraunte: „Schau mal dort – das ist ein PWC-Pilot! Mit einem Wettkampf-Schirm!“ Zwei Begriffe, die mir augenblicklich einen Schauer über den Rücken jagten. Im nachhinein weiß ich allerdings nicht mehr, ob vor Bewunderung oder Mitleid. Denn wozu um alles in der Welt, sollte man mit einem langsamen Gleitschirm um die Wette fliegen? Und wer zum Teufel braucht mehr als einen A-Schirm?

Wie bei den meisten von uns wurde im Laufe der Zeit aus „möglichst lang“ und „möglichst hoch“ irgendwann „möglichst weit“. Aus A wurde B und C. Der sportliche Ehrgeiz wurde damit befriedigt, die XC-Leistungen in dezentrale Online-Contests hochzuladen und sich so indirekt mit anderen Piloten zu vergleichen.

Was die Wertschätzung innerhalb der Paragliding-Szene und vor allem die immense Beteiligung angeht, gebührt dem Online-Contest deshalb unangefochten die Krone der allgemeinen Beliebtheit. Wenn man sich allerdings intensiver mit dem sportlichen Aspekt beschäftigt, stellt man schnell zwei Dinge fest: Erstens, dass man Streckenflüge von verschiedenen Tagen an verschiedenen Orten kaum vergleichen kann und zweitens, dass als fliegerische Herausforderung nach „möglichst weit“ noch „möglichst schnell“ kommt.

Der Reiz des zentralen Wettkampfs ist es, sich mit Top-Piloten direkt zu messen, von ihnen zu lernen und gemeinsam unglaublich schnell zu fliegen – auch und gerade an weniger guten Tagen. Wer das will, steigt meist mit lokalen Vereinswettkämpfen ein, dann Landesmeisterschaften, Staatsmeisterschaften und Opens, die Gleitschirmliga und landet schließlich bestenfalls beim internationalen PWC. Durch den harten Selektionsprozess fliegen beim Worldcup viele der allerbesten Piloten der Welt miteinander. Man könnte also schon von einer Köngisdisziplin sprechen. Wobei eine Acro-WM oder eine Red-Bull-X-Alps ebenso als Königsdisziplinen der jeweiligen Ausprägung unseres vielfältigen Sports gelten können.

Von einer Materialschlacht kann man eher nicht sprechen. Früher gab es Werkspiloten, die bessere Schirme und damit sportliche Vorteile hatten. Heute können alle Piloten dieselben Schirme kaufen und diese sogar 2 oder 3 Jahre fliegen, bis ein noch potenterer Nachfolger erscheint. Natürlich ist das Material sehr aufwändig und ausgereift, aber es gewinnt tatsächlich der beste Pilot, denn alle haben gleich gutes Material. Manchmal möchte man fast „leider“ sagen, wenn man mal wieder auf den hinteren Rängen gelandet ist.

Wie sieht es mit der Schirmentwicklung aus?

Ein großes Problem der organisierten Schnellfliegerei war viele Jahre lang die mit dem Topspeed exponentiell zunehmende Gefährlichkeit. Am Ende der unreglementierten Open Class standen vor einigen Jahren Schirme, die zwischen 80 und 90 km/h schnell flogen. Was da bei einem Vollgasklapper passierte war in den seltensten Fällen gesund und dem Ruf des Wettkampffliegens nicht gerade zuträglich.

Die FAI reagierte mit einem Verbot der Open Class. Die Hersteller mussten ihre Schirme also so (ver-)trimmen, dass sie ein EN-D Prüfprogramm hinbekamen. Was dabei herauskam, war zwar sicherer als vorher, machte aber nicht wirklich Spaß zu fliegen. Nachdem allen voran Ozone mit Einführung der Zweileiner und der Sharknose die Schirmtechnologie auf ein neues Level katapultiert hatte, merkte man schnell, dass für diesen Schirmtyp der alte EN-D Standard nicht mehr geeignet war.

Aus meiner Sicht ist die aktuelle CCC-Klasse ein recht brauchbarer Kompromiss. Sie sorgt dafür, dass die heutigen Wettkampfschirme etwa 10 km/h langsamer sind, sehr sicher zu fliegen und dennoch den Konstrukteuren genügend Freiheit gelassen wird, zu experimentieren und wirklich runde Schirme mit viel Dynamik zu bauen, die Leistung, Sicherheit und Spaß verbinden.

Bei der diesjährigen Trofeo Montegrappa wurden vier Tasks bei extrem starker Thermik und viel Wind von fast 150 Piloten superschnell geflogen, ohne dass ein Unfall passiert ist. Vor einigen Jahren wären an solchen Tagen definitiv Hubschrauber geflogen.

Es bleibt zu hoffen, dass die guten Erfahrungen aus der CCC-Klasse auch in den Testverfahren der niedrigeren Klassen eine Veränderung auslösen, so dass auch deren Piloten in den Genuss neuer Technologien kommen, die im Moment D und CCC vorbehalten sind.

Wie entwickelt sich der zentrale Wettkampf bei uns?

Zur Zeit ist gerade bei jungen Piloten ein regelrechter Boom zu verspüren, die zentralen Wettkämpfe locken mehr als je zuvor. Der Run auf die Deutsche Liga ist groß und wir freuen uns über viele neue Gesichter und sogar etliche Mädels. Auch die Schweizer und Italiener haben genügend Nachwuchs und bei den Franzosen gibt es sogar ein Internat und hauptamtliche Trainer für den Wettkampfsport. Lediglich in Österreich ist der wettkampfmäßige Babyboom noch nicht ganz ausgebrochen.

Ein großes Problem sind zu wenig Einsteiger-Wettkämpfe auf lokalem und Vereinsniveau. So drängen alle Wettkampfeinsteiger in die Liga und sind dort oft noch etwas überfordert oder glauben, gleich einen Zweileiner pilotieren zu müssen. Für unseren Sport bräuchten wir dringend Ideen, wie wir mehr lokale Veranstalter gewinnen können.

Abgesehen davon kann ich nur jedem versierten Piloten empfehlen, einmal an einem Comp teilzunehmen. Gerade die Wettkämpfe in Österreich sind mir persönlich die liebsten. Ihr werdet eine ausnehmend lockere Atmosphäre in einer großen Familie vorfinden, die nicht gegeneinander kämpft, sondern miteinander tolle Leistungen erbringt.

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